Heredium

10.Juni 2009 Björn Lippold

2200 AD hat die Menschheit mehrere Katastrophen hinter sich. Nach mutierten Pflanzen und Tieren, die dem Menschen wieder den Lebensraum streitig machen, dem Erscheinen der Debellatoren, einer neuen psionischen Evolutionsstufe des Menschen, und anderen kleinen Krisen, sind der Mond explodiert, die Meeresspiegel gestiegen und die Weltbevölkerung auf 60 Millionen dezimiert worden. Bei Heredium dürfen die Spieler 10 Jahre nach dem großen Knall das Erbe der Menschheit antreten und versuchen, in einer stark veränderten Welt zu überleben.

Heredium beschreibt die Welt von 2200 nach Kontinenten, und auf jedem Kontinent ist eine eigene Zivilisation auf dem Vormarsch. In Nordamerika herrschen die Debellatoren, jene Psioniker, die zunächst von den Menschen gejagt wurden, doch nun im Einklang mit anderen Überlebenden und der Natur in ihrer Hauptstadt Patria leben.

In Afrika sind es die Hezekieliten, die ihrem aus dem Meer entstiegenen Propheten folgen, Technik ablehnen, doch unter ihrer Haut Naniten tragen, die ihnen übermenschliche Fertigkeiten verleihen.
In Europa erstarkt die Nordallianz, die mit Technik und Waffengewalt zur vorherrschenden Macht drängt und die Interessen von Kirche, Militär und Wirtschaft zusammenführt.

Australien steht unter der Vorherrschaft der anarchistischen Raging Bull, die zu weiten Teilen aus Mutanten bestehen, die mit ihren Schiffen Raubzüge auf der ganzen Erde unternehmen.
Das Leben in Asien konzentriert sich auf Hirohito City der Temoraner, eine abgeschottete, hochtechnisierte Megastadt unter einer Kuppel, die von Verbrechersyndikaten beherrtscht und mit diversen Drogen versorgt wird.

Die Welt von Heredium ist feindlich, denn dank der sogenannten Naoh-Mutationen haben sich Fauna und Flora gegen den Menschen gewandt. Wälder wachsen in rasendem Tempo über die Spuren menschlicher Zivilisation hinweg, gefährliche Tiere machen Jagd auf Menschen und bis auf wenige Flecken ist die Erde von einer bedrohlichen Wildnis überdeckt. Klimaveränderungen haben ganze Landstriche unbewohnbar gemacht, und der größte Teil an Infrastruktur wurde vernichtet.

Heredium benutzt ein schnell erlernbares und einfaches Spielsystem, bei dem man für die Attribute Würfel wirft und zu diesem Ergebnis Bonuspunkte aufgrund der Fertigkeiten addiert, um ein Mindestergebnis zu erreichen. Zur weiteren Charakterausfeilung gibt es Vor- und Nachteile, doch einer der besonderen Schwerpunkte liegt klar auf den Zivilisationen. Zu jeder Zivilisation gibt es mehrere Berufungen, die grundsätzlichen Charakterausrichtung entsprechen. So haben beispielsweise die Nordallianz Pioniere und Inquisitoren, Raging Bull wiederum Mercs und Trader. Diese Berufungen dienen als Charakterhintergrund und Grundschablone auf deren Basis der Spieler kreativ sein kann. Allerdings unterscheiden sich auch die Zivilisationen ganz eklatant. Man kann grundsätzlich sagen, daß es zwei Gefälle von Technik und besonderen Fähigkeiten gibt. So sind die Hezekieliten aufgrund ihrer Naniten mit quasi magischen Fähigkeiten gesegnet, dürfen aber fast keine Technik benutzen. Am anderen Ende dieser Skala stehen die Temoraner, die über modernste Technik verfügen, als Spezialität aber nur bestimmte Drogen zur Verbesserung ihr eigen nennen. Auf jeden Fall hat jede Zivilisation ihre Besonderheit, und je mächtiger diese ist, desto weniger wird der Charakter moderne Technik nutzen können. Tatsächlich ist die Ektoware der Nordallianz allerdings Technik.

Ähnlich fällt natürlich auch das Spektrum der Ausrüstung aus, die bei den Waffen beispielsweise von einfachen Klingen über Feuerwaffen bis hin zu Plasmagewehren reicht.

Neben den fünf großen Zivilisationen gibt es noch diverse Randgruppen, Sekten, Mutanten und Psychopathen, die sich neben der veränderten Fauna und Flora als Gegner eignen.
Die Spielwelt wird sowohl geografisch als auch geschichtlich umfassend beschrieben, und ein Beispielabenteuer rundet das Buch ab.

Heredium hat einen interessanten Hintergrund und ist auch handwerklich in Ordung, auch wenn Layout und Illustrationen im Vergleich zu anderen System recht konventionell sind. Tatsächlich bekommt man mit dem Buch praktisch alles, was man zum Spielen benötigt. Die postapokalytische Welt ist konsistent, auch wenn es ein bißchen viele unabhängige Katastrophen gab. Die Unterschiede und das Technikgefälle machen das Spiel sehr interessant, aber eventuell auch schwierig. Während man sicher gut innerhalb einer der fünf großen Zivilisationen spielen kann, dürfte die Mischung nicht ganz leicht fallen. Heredium ist somit ein futuristisches Endzeitrollenspiel mit solidem System und interessanten Ansätzen, das auf jeden Fall einen Blick lohnt.

(Rezension aus Mephisto 43)

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